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Schon jetzt ist hinter den Kulissen viel los...

Wir nutzen jede freie Minute, um Figuren, Kostüme, Requisiten, Musik, Liedtexte und Choreografien entstehen zu lassen.

Hier gibt es jetzt die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen…

Jeden Monat aufs Neue veröffentlichen wir hier spannende  Interviews mit den verschiedenen Akteuren und Gestalter*innen hinten den Kulissen.

Die Interviews werden geführt von Birte Überleer.

...mit Gerda Petersen-Carstens als Koordinatorin des Nähteams

Birte:   Liebe Gerda, schön jetzt hier mit dir sprechen zu können. Du bist im Musical dafür zuständig, dass Evas Kostümvorlagen genäht werden. Wie bist du denn überhaupt zum Nähen gekommen?

 

Gerda: Das ist schon lange her. Die Grundlage für meine Nählust wurde schon in der Schule gelegt. Ich hatte sowohl in der Grundschule als auch auf der weiterführenden Schule einen sehr guten Nähunterricht. Viel lernte ich auch von meiner Mutter, so dass ich meine Konfirmationsbluse zum Beispiel schon selber genäht habe. Textiles Werken und Kunsthandwerk gehören schon seit langem zu meinen Hobbys.

 

Birte:   Und du hast dir die Tätigkeit ein Stück weit in deinen Beruf der Lehrerin mitgenommen, da du ja in den letzten Jahrzehnten textiles Werken unterrichtet hast.

 

Gerda: Ja, das habe ich viele Jahre gerne gemacht.

Birte:   Und jetzt hast du diese große Aufgabe im Musical. Wir haben dich im Februar 2020 von Sylt aus angerufen. Bente und ich waren dort auf einem Arbeitswochenende und brauchten jemand, der Evas Kostüme in Schnittmuster übersetzt. Ich habe damals nur kurz umrissen, welche Aufgabe dich erwartet und trotzdem hast du sofort „Ja“ gesagt.

 

Gerda: Ich sagte damals ja schon im Vorweg, dass ich gerne in irgendeiner Weise eine Aufgabe in dem Projekt übernehmen würde. Und ihr habt bei genau dieser Aufgabe an mich gedacht, das hat mich gefreut. Ich musste nicht lange überlegen, weil ich die Idee sehr verlockend fand. Ich freue mich immer noch, dass ich diese Aufgabe bekommen habe, so herausfordernd sie auch ist.

 

Birte:   Diesen Posten haben wir dir sehr gerne gegeben. Als wir dich damals gefragt haben, gab es noch keine Kostümzeichnungen und wenig konkrete Infos zum Umfang der Aufgabe. Wir hatten damals die Idee, alles so einfach und reduziert wie möglich zu halten. Wenn man sich heute die Kostümvorlagen anschaut, kann man nicht mehr sagen, dass es sich um etwas Einfaches handelt. Da haben wir die Vorgehensweise deutlich verändert.  (lacht)

 

Gerda: Wie gut, dass wir das nicht vorher wussten (lacht). Irgendwie war ich aber ganz zuversichtlich und dachte, dass so etwas zu schaffen sein müsste. Als ich Kindertheater geleitet habe, war ich auch für die Kostüme zuständig und irgendwie hat sich dann im Laufe der Probenzeit vieles entwickelt und gefügt, ohne dass es vorher geplant war. Ja, und nun habe ich mein Nähteam, das sich sehr verantwortungsvoll und zuverlässig in diese Aufgabe kniet und absolut gute Arbeit leistet.

 

Birte:   Wie schön. Bevor wir auf dein Team schauen, möchte ich gerne noch fragen, wie du den inhaltlichen Einstieg in das Musical-Projekt persönlich erlebt hast? Du bist an vielen inhaltlichen Arbeitstreffen zum Drehbuch, zur Gestaltung dabei gewesen.

 

Gerda: Am meisten hat mich gefreut, dass ihr in der damals beginnenden Coronakrise daran festgehalten habt, das Musical-Projekt durchzuführen. Ich habe in dieser Zeit so deutlich gemerkt, wie trist das Leben ohne Kultur, Kreativität und Musik ist. Dadurch habe ich unsere inhaltliche Arbeit noch mehr zu schätzen gelernt. Ich mag darüber hinaus gerne an Projekten arbeiten, da sie immer über einen bestimmten Zeitraum gehen und dann auch wieder beendet werden. Natürlich ist meine Aufgabe sehr zeitaufwendig, aber sie gibt mir auch viele schöne Erlebnisse. Es steckt viel Freude und Kreativität darin. Zudem gibt es bei diesen Nähprojekten nicht nur eine Lösung, sondern viele Möglichkeiten, und diese müssen erst erforscht und gefunden werden. Es braucht den Mut, verschiedene Wege auszuprobieren und notfalls neue Wege einzuschlagen. Es gehört auch dazu, nicht gleich die perfekte Lösung vor Augen zu haben. Dieses Experimentieren, dieses Herantasten und diese Vielfältigkeit mag ich. Genau dieses Arbeiten in der für mich passenden Gruppe gibt mir den Synergieeffekt, den ich so liebe. Und in unserem kreativen, tatkräftigen Nähteam sind wir genau dafür gut aufgestellt. Die Frauen im Team sind mit ihren vielen Ideen kaum zu bremsen.

 

Birte:   Du und Eva, ihr habt eure enge Zusammenarbeit ja schon im letzten Jahr gestartet. Dabei ist Eva die gedankliche Urheberin der Kostüme mit ihren klaren visuellen Vorstellungen, wie die Kostüme auszusehen haben. Und du arbeitest mit dem handwerklichen Verständnis und Können, was machbar und umsetzbar ist.

 

Gerda: Ja. Die enge Zusammenarbeit mit Eva ist sehr wichtig, um die konkreten Vorstellungen von ihr umsetzen zu können. Im Arbeitsprozess müssen ständig Entscheidungen getroffen werden, was eine ganz enge Zusammenarbeit mit ihr unumgänglich macht. Im letzten Dezember zwischen Weihnachten und Silvester habe ich intensiv an dem ersten Kostüm gearbeitet. Das fing damit an, dass ich die Kostümzeichnung bekam und wir uns zusammen auf Stoffsuche begaben. Wir merkten aber schnell, dass die Stoffauswahl sehr limitiert war. Durch die Corona Begrenzungen konnten wir nur in den umliegenden Stoffläden einkaufen, zudem mussten wir froh sein, dass überhaupt Läden geöffnet hatten. Wir schauten zusammen nach den Stoffen, die Evas Vorstellung am nächsten kamen. Nachdem wir die Stoffe dann besorgt hatten, habe ich den Darsteller ausgemessen, um dann mit diesen Maßen Schnittmuster anfertigen zu können. Mit diesen Schnittmustern fing ich schrittweise an, mich an das Kostüm heranzutasten und zu nähen. Eva und ich haben uns oft getroffen und sehr akribisch geschaut, was passt und was stimmig ist.

 

Birte:   Das klingt unglaublich zeitintensiv. Ist es ein künstlerischer, handwerklicher Prozess, in den man auch abtauchen kann?

 

Gerda:              Absolut. Da ich aufgrund des Lockdowns viel Zeit hatte, spielte der Faktor Zeit keine Rolle. Eine ganze Woche habe ich fast nichts anderes gemacht als mich mit diesem Kostüm zu beschäftigen. Ich konnte abtauchen, alles um mich herum vergessen, habe es fast wie Meditation empfunden. Ja, und als dann das fertige Produkt am Ende der Zeichnung entsprach, war ich sehr erfüllt.

 

Birte:   Und das tut es, das kann ich bestätigen (lacht). Jetzt kannst du wohl zeitlich nicht mehr in der Form abtauchen. Der Alltag ist wieder im vollen Gange, und doch sollen 16 Solisten ein Kostüm bekommen und ganz viele weitere Requisiten genäht werden. Dafür hast du neben Eva schon seit Juni ein Team von vier weiteren, festen „Näherinnen“ um dich. Ich erlebe euch als ein extrem dynamisches Team.

 

Gerda: Auf jeden Fall. Nachdem Eva und ich einen Prototypen kreiert hatten, produzierten wir mit einem Teil dieses Teams ein Requisit für den Chor in einer Serienproduktion. Diese Massenproduktion war ein guter, konkreter Einstieg in unser Nähprojekt. Und hier konnte ich die „Schlagkraft“ des Nähteams das erste Mal erleben und bewundern. Es folgte das Nähen der Würste und Fische für das Markttreiben. Dabei stellte ich fest, wie mutig und kreativ diese Aufgabe von meinem Team umgesetzt wurde. Das Team ist ein wahrer Hauptgewinn! Ab diesem Zeitpunkt konnte ich mir wirklich vorstellen, dass wir unsere große Aufgabe bewältigen können.

 

Birte:   Inzwischen habt ihr die Solisten getroffen, habt Maß genommen für die Kostüme. Das war eine spannende Begegnung, oder?

 

Gerda: Auf jeden Fall, darauf haben wir hin gefiebert, denn wir brauchten die Begegnung mit den Solisten, mit ihren Körpermaßen und Charakteren für die nächsten Schritte in der Herstellung der Kostüme.

An dieser Stelle möchte ich noch einfügen, was für ein Gefühl bei uns entstand, als wir die Kostüm-Vorlagen von Eva vor uns liegen hatten und realisierten, dass es nun unsere Aufgabe werden sollte, diese wirklich zu nähen, ohne Vorlage, ohne Schnittmuster und ohne Plan.

Dazu muss man wissen, dass es sich um Mode von vor 400 Jahren handelt, kombiniert mit Evas Fantasie. Es sind einzigartige, fantasievolle Kostüme, für die wir keine Schnittmuster haben. Die Schnittmuster und Pläne stellen wir selber her. Damit begeben wir uns in Gefilde, in denen wir vorher nie waren. Und das kostet schon mal schlaflose Nächte, in denen wir über die Umsetzungsmöglichkeiten grübeln. Doch meistens kommt bei dieser Schlaflosigkeit etwas Brauchbares heraus.

Was uns außerdem ungemein unterstützt und hilft, ist neben Eva die „Intelligenz der Gruppe“. Aus dem „Ich“ ist ein „Wir“ geworden. Durch unseren regen Austausch unterstützen wir uns gegenseitig mit unserem Wissen und unseren Überlegungen. Und weil es nicht nur um das Nähen, sondern auch um anderes handwerkliches Können geht, sind inzwischen sogar auch die Partner in die Lösungsfindung miteinbezogen.

Es ist und bleibt ein aufregender, hochkonzentrierter und anspruchsvoller Prozess, der fordert und verlangt.

 

Birte:   Und so ähnlich geht es uns allen, die in diesem Musical-Projekt eine kreative, schaffende Aufgabe übernehmen.

 

Gerda: Ja, und das ist das, was mich beflügelt, dieses Gefühl, dass ich einen Beitrag zu etwas Größerem leiste, in das auch viele andere ihr Herzblut stecken, ein echtes Gemeinschaftsprojekt, mit hoffentlich wundervollen Aufführungen im März nächsten Jahres.

 

Birte:   Es ist total faszinierend zu erleben, wie wir alle in diesem Prozess wachsen und wie wir über diesen Prozess hinaus immer kompetenter und zuversichtlicher an die Herausforderungen herangehen. Wir alle wachsen in unsere Aufgaben hinein, und dem Nähteam ist dieser Prozess deutlich anzumerken.

 

Gerda: Besonders schön ist das Gefühl, dass wir gemeinsam an diesem Musical-Projekt teilhaben. Da geht eurer Grundkonzept auf. Das hat man auch am 26.09. beim Singen auf dem Marktplatz gemerkt. Ihr wollt möglichst viele Menschen generationsübergreifend mit diesem Musical berühren. Jetzt kann man spüren, die Menschen wollen dabei sein. Da erfüllt sich euer Ursprungsgedanke: Möglichst viele sollen sich an diesem Gemeinschaftsprojekt beteiligen.

 

Birte:   Ja, es wird eine gemeinsame Herzensangelegenheit, und auch darüber lässt sich Gemeinsamkeit noch einmal tiefer spüren, trotz aller Verschiedenheit.

 

Gerda: Nach dieser langen Corona-Tristesse tut es extra gut, in Gemeinschaft an etwas Schönem, Kreativen mitzuwirken. Das hat schon therapeutischen Charakter. Ein Zusammenkommen auf diese Art ist für mich wie eine Erfüllung! Und das ist es für Andere auch – zum Beispiel zeigte ich einer Solistin beim Maßnehmen die Kostümvorlage für ihr Kostüm. Als sie die Zeichnung sah, strahlte sie über das ganze Gesicht und erzählte, dass es ein Kindheitstraum von ihr gewesen sei, einmal in so einem Kostüm auf der Bühne zu stehen.

 

Birte:   Gibt es Herausforderungen, über die wir noch nicht gesprochen haben?

 

Gerda: Bislang sehe ich die größte Herausforderung darin, die passenden Stoffe zu bekommen. Die Auswahl vor Ort ist begrenzt. Im Internet besteht die Gefahr von Fehlkäufen, Stoffe muss man anfassen und sehen, die Abbildungen der Stoffe auf dem Bildschirm sind oft trügerisch. Da wünschten wir uns auf jeden Fall vielfältigere Möglichkeiten.

 

Birte:   Dieses Beispiel beschreibt ja sehr schön, unter welchen Amateur-Bedingungen wir versuchen, eine Profi-Aufgabe umzusetzen. Wir haben nicht die Möglichkeiten eines Theaters – z.B. die eines Kostümfundus -, und trotzdem wollen wir so nah wie möglich an dieses Profi-Niveau herankommen. Eine zusätzliche Herausforderung, der wir uns stellen. Aber der wir auch mit großer Zuversicht und Kreativität begegnen.

 

Gerda:              Dieses große Ziel vor Augen beflügelt mich dann aber auch wieder. Auch wenn uns einige Aufgaben zu Beginn sehr groß und fast unüberwindbar vorkamen, werden wir mit jedem gemeinsam gegangenen Schritt mutiger.

Eine weitere Herausforderung ist natürlich, dass viele von uns diese Musical-Aufgaben nicht hauptberuflich machen, sondern berufstätig sind. Das Musical-Projekt machen wir „nebenbei“, da ist Zeitmanagement und Verzicht auf anderen Gebieten angesagt.

 

Birte:   Ja, die Zeit läuft. Der März rückt in fühlbare Nähe.

 

Gerda: Deshalb scharren wir im Nähteam auch schon mit den Hufen, wir brauchen die fehlenden Stoffe, damit wir weiternähen können.

 

Birte:   Ich bin sehr gespannt auf eure Ergebnisse, genauso wie unsere Solisten es sind, die diese Kostüme dann ja tragen sollen.

 

Zum Schluss meine Lieblingsfrage: Auf was freust du dich am meisten?

 

Gerda: Auf den Moment, in dem alle Solisten in ihren Kostümen auf der Bühne stehen und die Vorstellung beginnen kann.

 

Birte:   Das ist nachvollziehbar. Das wird für dich und dein Nähteam der Moment sein. Der Moment, auf den ihr hinarbeitet. Hoffen wir, dass dies im März so weit sein wird. Hoffen wir, dass wir in den nächsten Monaten keine weitere „Corona-Naht“ auftrennen müssen, sondern die Maschine jetzt so durchrattert (lacht). Vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch. Und natürlich für diese riesige Aufgabe, die du übernommen hast.

 

Gerda: Sehr gerne!

Und ich möchte am liebsten noch andere dazu motivieren, eine kleine Nische zu finden, um an irgendeiner Stelle mitzuwirken,

damit auch sie das Gefühl erleben, ein kleiner Teil von einem großen Ganzen zu sein.

Das sechste Interview haben wir im September mit dem unterstützenden Grafikdesigner
Fabian Wippert geführt.

Das fünfte Interview haben wir im August mit dem Technikbeauftragten Stephan Henningsen geführt.

Das vierte Interview haben wir im Juli mit dem Stadtarchivarin Christiane Thomsen geführt.

Das dritte Interview haben wir im Juni mit dem Filialleiter Dominik Donau der Nospa geführt.

Das zweite Interview haben wir im Mai mit Steffi und Iris zur Zusammenarbeit mit den Schulen geführt.

Das erste Interview haben wir im April mit Eva Muggenthaler geführt.

Das nächste Interview führen wir in Kürze mit ... lass dich überraschen 🙂